lebenswert


Diese Woche lief im ORF der Film „24 Wochen“. Nachzusehen HIER

Vielleicht haben ihn die einen oder andren von euch schon gesehen. In dem Film geht’s um Spätabtreibung. Eine Familie erwartet ihr zweites Kind. Bekommt die Diagnose Down Syndrom und die zwei entscheiden sich sehr schnell für das Kind. Als aber dann noch ein schwerer Herzfehler diagnostiziert wird, kommen Zweifel. Letztendlich entscheidet sich die Frau für einen Spätabbruch in der 24. Schwangerschaftswoche. Rotz und Wasser hab ich geheult dabei…. 

Nach dem Film gabs noch eine Diskussionsrunde und mich beschäftigt das Thema noch immer. 

Schwangerschaftsabbruch ja oder nein? In jedem Fall eine absolut persönliche Entscheidung. Das muss jede Frau/jedes Paar selbst für sich entscheiden und letztendlich auch damit leben. Ich maße mir hier sicher kein Urteil zu – auch wenn ich Spätabteibungen ehrlich gesagt sehr schaurig finde. 

Ich finde die Pränataldiagnostik grundsätzlich sehr wertvoll. Nicht, um sich für oder gegen Leben zu entscheiden sondern um sich einstellen zu können. Viele Fehlbildungen oder Defekte können so festgestellt werden. Man kann mit einem Eingriff oder entsprechender Vorbereitung Komplikationen verhindern oder zumindest verringern. Warum sollte man diese Möglichkeiten nicht nutzen? 

Niklas hat einen Gendefekt. Schwere Hämophilie B ist eine Blutgerinnungsstörung bei der es ganz unerwartet zu spontanen Blutungen kommen kann. Als an seinem 5. Lebenstag plötzlich eine massive Gehirnblutung festgestellt wurde, konnte sich vorerst keiner erklären warum das so war. Dieser Gendefekt ist vererbbar. Ich bin als Mutter Konduktorin – also Überträgerin und kann den Defekt weitergeben. Keiner von uns ahnte vor Niklas‘ Geburt davon. So viel wäre anders gelaufen, wenn wir das alles gewusst hätten….. 

Ich habe lange gebraucht um überhaupt an einer erneute Schwangerschaft zu denken. Zu viel Angst war damals da. Aber unser Wunsch nach einem zweiten Kind war letztendlich (zum Glück) einfach stärker. Durch Niklas haben wir viel gelernt. Das wahrscheinlich Entscheidendste: das Leben ist nicht planbar. Es gibt so viele verschiedene Defekte, Fehlbildungen und es kann immer wieder zu unvorhersehbaren Komplikationen kommen. Und manchmal ist kommt es besser als erwartet. Ich jedenfalls konnte meine zweite Schwangerschaft nicht mehr so unbeschwert erleben wie bei Niklas. Wir haben uns vor Anika umfangreich beraten lassen. Nachdem „mein“ genetischer Defekt nun bekannt war, konnte man zumindest nach diesen Auffälligkeiten suchen. Der Humangenetiker hat uns damals gut aufgeklärt, Wahrscheinlichkeiten dargelegt,…. Und letztendlich gemeint: Glück gehört auch dazu. Bei all den Tests und Voruntersuchungen: es gibt nie die 100 % Garantie für ein gesundes Kind. 

Ich kann beim besten Willen nicht sagen, welche Gedanken mir durch den Kopf gegangen wären bei einem auffälligen Befund. Wenn man mir gesagt hätte, dass mein Kind wahrscheinlich nie alleine Essen kann, nicht gehen, nicht sprechen – ja, nicht einmal sitzen können wird ohne Hilfe. Das sind keine Zukunftsaussichten, die man für sein Kind hören will. Wir hatten zig solcher Arztgespräche nach der Gehirnblutung von Niklas. Niemand konnte uns genau sagen, wie es kommen wird. Manche Ärzte machten uns Mut. Während anderen Gesprächen wäre ich am liebsten schreiend aus dem Arztzimmer gerannt. ABER: wir hatten das Glück, uns nicht für oder gegen unser Kind entscheiden zu müssen. 

Bei all dem Positiven das die pränatale Diagnostik bietet gibt es nämlich diesen einen großen Nachteil: Die Möglichkeit, bei einem auffälligen Befund ein JA oder NEIN zum Leben zu geben. Das muss einem bewusst sein. Hier wird die Entscheidungsfreiheit dann plötzlich zu einer unvorstellbaren Bürde. Und einer großen Verantwortung. Entscheiden für eine Lebenssituation, die man sich nicht im entferntesten vorstellen kann. Ganz sicher müsste gerade beim Down Syndrom viel mehr aufgeklärt werden. Jetzt mal ehrlich: Diese Menschen schaffen durch Förderungen schon enorm viel. Und sie bereichern unsere Gesellschaft unglaublich! Ich glaube, wenn man als werdende Eltern schon bei der Diagnose hört, welche Möglichkeiten der Förderung es gibt, welche Selbsthilfegruppen in der Nähe sind, ein Gespräch mit Betroffenen angeboten werden würde oder man einen Arzt vor sich hätte, der nicht nur meint: „Sie werden ihr Leben lang für dieses Kind sorgen müssen…“ Ja, dann würde ganz sicher der eine oder andere Abbruch nicht gemacht werden. 

Abschließend möchte ich noch sagen: Auch ich habe mir zwei gesunde Kinder gewünscht. Vergebens. Niemals hätte ich gedacht, dass wir ein Leben mit einem schwer behinderten Kind so meistern können, dass wir am Ende des Tages noch ehrlich behaupten können, uns geht’s gut. Unser Weg ist steiniger – manchmal sehr holprig. Aber diese Situation hat uns als Familie enorm zusammengeschweißt. Mein Mann und ich sind nicht nur Partner und Eltern – wir sind ein perfektes Team geworden. Tatkräftig unterstützt von unseren Familien. Wir hätten viele wertvolle Bekanntschaften nie gemacht. Menschen, die ich nicht missen möchte. Wir hätten viele unvergessliche Momente nicht erlebt. Und ich hätte wohl nie wirklich begriffen, wie wenig es braucht, um das Leben zu lieben.